von Franziska Drohsel
Als Juso-Bundesverband haben wir im Frühjahr 2010 mit einer Diskussion darüber begonnen, ob wir Trends beobachten können, die für alle junge Menschen gleichermaßen gelten. Mit anderen Worten: Ob es Entwicklungen gibt, von denen alle junge Menschen betroffen sind und damit als Merkmale einer Generation bezeichnet werden können. Dabei ist zu beobachten, dass viele Barrieren, die es früher gegeben hat, wie bestimmte Moralvorstellungen und Rollenbilder, weniger dominierend sind. Dafür gibt es bereits sehr früh den Druck, sein Leben so zu gestalten, dass man auf dem Arbeitsmarkt nicht untergeht. So besteht ein enormer Leistungsdruck von der Grundschule bis spät in das Berufsleben. Damit einher geht, dass der Neoliberalismus zu einer zunehmenden Polarisierung innerhalb der Gesellschaft geführt hat und die Perspektive des sozialen Ausschlusses schon früh präsent ist. Hinzu kommt die permanente Unsicherheit über die nahe und ferne Zukunft. In diesem Sinne kann man sagen, dass Leistungsdruck, Unsicherheit und Ausgrenzung für alle junge Menschen präsent sind.
Leistungsdruck
Junge Menschen stehen heute schon sehr früh vor einem extremen Druck, Leistung bringen zu müssen. Das beginnt in der Schule und setzt sich in der Ausbildung bzw. im Studium fort. Immer heißt es, dass man noch schneller, noch besser, noch mehr machen soll – Auslandssemester, Berufserfahrung, Fremdsprachen, Praktika und möglichst schnell die Ausbildung mit einer guten Note beenden. Die Konsequenz ist, dass es so etwas wie eine eigenständige Jugendphase, in der sich junge Menschen auch ausprobieren können, kaum noch gibt. Das hat gesellschaftliche Folgen. Solch eine Ausrichtung macht ein Denken jenseits der Norm schwer. Vermittelt wird, dass es entscheidend ist, sich für den Konkurrenzkampf der Gesellschaft zu rüsten. Gesellschaftliches Engagement passt nicht in dieses Leistungsschema. Die Botschaft ist, dass jeder an sich selber, an seinen Vorteil, sein Fortkommen denken muss und wer scheitert, erfährt gesellschaftlichen Ausschluss.
Es ist notwendig, in der Bildungspolitik mehr Freiräume zu verankern. Bildung darf nicht nur der Qualifikation am Arbeitsmarkt dienen, sondern muss das Ziel haben, zu einem Leben in Selbstbestimmung beizutragen.
Unsicherheit
Es gibt das Phänomen, dass fast unsere ganze Generation eine unsichere Perspektive auf ihr Erwerbsleben hat. Zunächst gibt es nur Praktika, danach befristete Arbeitsverhältnisse und ab da hangelt man sich von Befristung zu Befristung. Wir wissen nicht, wie lange wir noch den Job haben, ob wir für den Job die Stadt verlassen müssen und ob unser soziales Umfeld noch in den nächsten Monaten hier sein wird. Dementsprechend schwierig ist es, Lebens- und Familienplanung zu machen und soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten. Und auch politisches Engagement ist auf Kontinuität angewiesen.
Die Reregulierung des Arbeitsmarktes darf als politisches Ziel nicht aufgegeben werden, denn nur diese kann zu mehr Sicherheit und damit auch zu einem selbstbestimmteren Leben, in dem nicht alles dem Job untergeordnet werden muss, führen.
Ausgeschlossenheit
Ein Teil von jungen Menschen ist bereits mit 13, 14 Jahren so perspektivlos, dass sie nicht mal mehr formulieren können, was sie in dieser Gesellschaft gerne machen würden. Ein Teil der Jugendlichen fühlt sich nicht mehr als Teil der Gesellschaft. Partizipation findet kaum noch statt – weder über Bildung, Ausbildung und Job noch über politische Partizipation. Dabei ist die gesellschaftliche Linke immer auf die Organisation breiter Bevölkerungsteile angewiesen gewesen. Die reaktionäre Antwort auf diese Situation ist die Argumentation, dass die Jugendlichen selber schuld sind und mehr Repression notwendig ist. In meinen Augen ist es ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, wenn sie Jugendliche von 13 Jahren mit einer derartigen Perspektivlosigkeit ins Leben entlässt. Ziel muss es sein, dass alle junge Menschen Träume, Hoffnungen und Wünsche an ihr Leben formulieren können. Dafür ist es erforderlich, im präventiven Bereich und nicht im reaktiven Bereich zu handeln. Ganztagsschulen und gute Kitas wären eine Antwort, um die Situation zu verbessern.
Und nun?
Als Jusos haben wir schon jetzt viele Antworten, wie sich vieles verbessern würde. In vielen Bereichen müssen wir nach Antworten suchen. Der Diskussionsprozess darum, was das sein könnte, was die Situation junger Menschen verbessert, geht weiter und ist darauf angewiesen, dass sich viele aus unserem Verband einbringen: www.links2011.de.
Franziska Drohsel war von 2007 bis 2010 Bundesvorsitzende der Jusos.