Infrarot

01.12.2010

Editorial

von Sebastian in Ausgabe 02 | 2010, Standards

„Leistung muss sich wieder lohnen“: Das ist der Leitsatz von Neoliberalen wie Guido von der FDP. Dieser ziemlich dämliche Spruch ist nicht nur abgelutscht, sondern vor allem irreführend. Denn er meint soziale Kürzungen statt Solidarität, Individualisierung statt Gemeinschaft.

Der Begriff „Leistung“ findet sich heute überall: in der Schule und Uni, bei der Arbeit, in politischen Diskussionen. Es wird diskutiert, welche „Leistungen“ jemand erbringen muss, um eine Gymnasialempfehlung oder einen Ausbildungsplatz zu kriegen oder um Hartz IV zu erhalten. Und immer wieder wird nur diskutiert, dass der oder die Einzelne sich noch mehr anstrengen muss, um einen Platz in unserer Gesellschaft zu finden.

Aber ist das wirklich der Sinn menschlicher „Leistungen“? Nicht überall sind Leistungen negativ: Wer viel Zeit und Mühe für ein Herzensanliegen aufbringt, wird sich über seine Leistungen freuen. Bei sportlichen Wettbewerben bringen uns Höchstleistungen von SportlerInnen zu euphorischem Jubel.

In dieser Ausgabe der Infrarot gehen wir dem Leistungsbegriff kritisch nach: Welcher Druck lastet auf denjenigen, die immer mehr „Leistungen“ erbringen müssen? Wie könnte ein positiver Leistungsbegriff aussehen?

Entscheidend dabei ist, dass Neoliberalen und Rechten nicht die Deutungshoheit über Begriffe überlassen bleibt. Wir Jusos stehen für ein solidarisches Miteinander, für Gleichheit, für Freiheit. Dafür streiten wir, und wir lassen uns nicht von anderen erzählen, was wir darunter zu verstehen hätten.

In dem Sinne sozialistische Grüße

Christian Berg

Landesvorsitzender der Jusos Berlin


01.12.2010

Rote Idee statt rotes Tuch - für einen postitiven Leistungsbegriff von links

von Helene Sommer

Aussprüche wie „Leistung muss sich wieder lohnen“ von FDP-Chef und Außenminister Guido Westerwelle oder der zum Leitmotiv des Klassenkampfs von oben stilisierte „Leistungsträger in unserer Gesellschaft“  dominieren den Diskurs und haben den Leistungsbegriff für alle,  die für eine solidarische und progressive Politik stehen, zum roten Tuch gemacht. Dabei steht ein positiver Bezug auf den Leistungsbegriff einer linken Politik nicht entgegen – ganz im Gegenteil. Auch im Diskurs um Leistung gehört der neoliberalen Deutungshoheit ein Ende – und das rote Tuch wieder zur roten Idee gemacht.

Der neoliberale Leistungsbegriff

Dem neoliberalen Leistungsbegriff liegt die Annahme zu Grunde, dass der freie Markt mit seiner „unsichtbaren Hand“ Wirtschaft und Gesellschaft von sich aus so strukturiert, dass sich das beste Produkt oder eben derjenige Mensch, der am meisten leistet (im Sinne der besten Arbeit in schnellstmöglicher Zeit) durchsetzt. Im ungebremsten und unbeeinflussten Wettbewerb würden in diesem Sinne diejenigen, die am meisten bereit sind zu leisten und am besten sind, in dem was sie tun, die beste Stellung in der Gesellschaft einnehmen und diese LeistungsträgerInnen dürften dann auch nicht für Diejenigen verantwortlich gemacht werden, die weniger leisten und deshalb auch weniger haben.

Dass dieses Konzept nicht funktioniert und eine so strukturierte Gesellschaft weder erstrebenswert noch funktionstüchtig ist, wussten schon viele Menschen bereits im 19. Jahrhundert und das hat sich auch in der Finanzmarktkrise erneut bewiesen. Das freie Spiel der Marktkräfte im Kapitalismus sorgt nicht dafür, dass diejenigen, die sich am meisten anstrengen, die beste Stellung einnehmen, sondern dafür, dass einige wenige viel besitzen und viele andere wenig und das die wenigen, die viel haben auch immer mehr dazubekommen. Dieses Faktum hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun, wie viel Diese leisten.

Was soll Leistung dann sein?

Dass Leistung auch für die politische Linke und die ArbeiterInnenbewegung ein zentraler Begriff ist, liegt auf der Hand: Denn wer will behaupten, dass ein Krankenpfleger oder eine Bauarbeiterin nicht essentiell zum Fortbestand und zur Fortentwicklung der Gesellschaft beitragen? Und hier stoßen wir auf den Kern der Debatte. Leistung muss daran gemessen werden, wofür sie eingesetzt wird. Leistung ohne Ziel (Das Ziel eines Einzelnen reich zu werden ist kein Ziel mit dem sich eine gesellschaftspolitische Debatte befassen sollte.) führt zu einer Spaltung der Gesellschaft – der eine gewinnt, was der andere verliert. Leistung mit dem Ziel, eine bessere Gesellschaft hervorzubringen, ist der Kern eines sozialistischen Leistungsbegriffs – wenn einer gewinnt, gewinnt auch die Gemeinschaft.

Leistung in diesem Sinne heißt nicht, sich der Funktionslogik des Kapitalismus unhinterfragt zu unterwerfen und schon gar nicht die individuelle Leistung eines Menschen an seiner finanziellen Situation oder seiner Stellung im kapitalistischen Produktionsprozess abgelesen werden.  Leistung in diesem Sinne heißt, im Rahmen der individuellen Interessen, Fähigkeiten und Möglichkeiten einen Beitrag für das Fortbestehen und die Fortentwicklung der Gemeinschaft zu leisten. Und nicht nur beruht jedes Konzept einer solidarischen Gesellschaft genau darauf. Ich bin davon überzeugt, dass ein jeder Mensch auch genau dies will: an der Gemeinschaft teilhaben und für die Gesellschaft etwas leisten. So wird das rote Tuch wieder zur roten Idee gemacht.


Helene Sommer studiert Politikwissenschaften in Berlin und ist stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos Berlin.


01.12.2010

Wider den Leistungsdruck - Wettbewerb hält die Gesellschaft nicht zusammen

von Philipp Kramp

Seit einiger Zeit ist Leistungsdruck in Schule und Universität bei Kindern und Jugendlichen ein öffentlich viel beachtetes Thema. Einer Studie des vergangenen Jahres zufolge leiden oder litten rund 10 Prozent der Kinder zwischen 12 und 17 Jahre an einer Depression, die durch zu hohen Leistungsdruck ausgelöst wurde. Unter den Studentinnen und Studenten ist es rund jeder/jede Fünfte, der in den vergangenen 12 Monaten unter Depressionen litt, etwa 5 Prozent von ihnen werden mit Medikamenten behandelt.

Kinder und Jugendliche beim Psychologen? Das hat beides die gleiche Ursache. „In der Schule wird der Grundstein für das spätere Leben gelegt“, das ist zweifelsohne richtig, aber eben nicht nur dort. Müssen Kinder wirklich Musik-, Sportverein, Nachhilfeunterricht und Sprachkurs neben der Schule besuchen? Das ist Leistungsdruck, ausgelöst durch den gesellschaftlichen Wettbewerb immer der oder die Beste zu sein, immer vorne und „Nachmittags Chinesisch könnte ja später auch noch nützlich sein“. Auch an der Uni wird es nicht besser. Heute werden an Unis deutlich mehr Klausuren geschrieben, ständige Leistungsabfragen, die noch dazu immer in die Abschlussnote eingehen, erhöhen den Druck.

Es müssen LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern, genauso wie DozentInnen und Studierende gemeinsam daran arbeiten, Stundenpläne auszudünnen und unnötige Prüfungen zu streichen, damit die Strapazen an Schulen und Unis abnehmen.

Die Debatte geht aber über die Schule und Universität hinaus, steht doch hinter dem Prinzip der Leistung und des Wettbewerbs das wirtschaftliche, falsche Bild von Gerechtigkeit. Leistungsgerechtigkeit geht davon aus, dass Menschen arbeiten und dafür einen fairen Lohn erhalten. Auf ältere, kranke oder behinderte Menschen wird dabei keine Rücksicht genommen. Doch nicht mal diese einfache Annahme stimmt. Ist es etwa eine nach der Leistung gerechte Bezahlung für eine Friseurin, wenn diese 4 Euro pro Stunde bekommt, während bei Deutsche Bank Chef, Josef Ackermann, im selben Zeitraum gut 3500 Euro auf dem Konto landen dürften. Ist das gerecht? Sicher nicht! Das ständige Messen von Leistung, der ständige Druck des Wettbewerbs produziert Ungerechtigkeit, produziert Krankheiten.

Die gesellschaftliche Linke kämpft für das Prinzip von sozialer Gerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit. Lohn und Stellung innerhalb der Gesellschaft hängen hierbei nicht nur von der erzielten Leistung ab. Geld und Teilhabe an der Gesellschaft gehören gerecht verteilt, jeder muss sein Auskommen haben, jeder muss die Möglichkeit haben sich einzubringen. Jeder ist Bestandteil der Gesellschaft und wir alle sollten dem Wettbewerb in der Gesellschaft trotzen; Solidarität zwischen den Menschen gehört in den Vordergrund gerückt und kein Kampf unter den Menschen, dem Tierreich gleich.

Philipp Kramp ist 26 und studiert in Potsdam Verwaltungswissenschaften.


01.12.2010

Lebensleistung (wieder) anerkennen.

von Johannes Reichersdorfer

Karl hat eine gute Rente. Karl, Jahrgang 1940, hat mit 15 Jahren seine Lehre als Werkzeugmechaniker begonnen und bis zu seinem Renteneintritt mit 65 Jahre in einem mittelgroßen Automobilzulieferbetrieb gearbeitet. Seit er im Jahr 1975 seine Meisterprüfung abgelegt hat, war auch sein Gehalt relativ gut und er konnte mit Renate jedes Jahr in den Urlaub fahren und seine Kinder konnten das Gymnasium besuchen. Karl hat eine gute Rente, weil er Zeit seines Berufseinstiegs immer fleißig in die Rentenversicherung eingezahlt hat. Das bekommt er jetzt wieder zurück und kann seinen Lebensherbst mit Renate genießen.
Isabell, Jahrgang 1975, ist heute 35 Jahre alt, hat studiert und arbeitet seit einem Jahr wieder in einer Agentur. Sie hat ein relativ hohes Einkommen, muss aber keine Beiträge in die Rentenversicherung zahlen, weil sie selbstständig ist. Obwohl sie gut verdient, hat sie keine Aussicht auf eine gute Rente. Woran liegt das?

Unser Rentensystem ist danach ausgerichtet, dass alle die etwas einzahlen, auch wieder etwas herausbekommen. Das ist das Versicherungsprinzip. Das spannende daran ist, dass die Lebensleistung der Menschen dadurch anerkannt wird und sie wissen, wenn alles gut läuft, sie im Alter keine Angst vor Armut haben müssen. Dieses Prinzip hat bei Karl gut funktioniert, darüber ist er auch froh. Bei Isabell funktioniert das aber nicht, da sie bei ihrer Tätigkeit als Freiberuflerin von der Rentenversicherung ausgeschlossen ist. Somit kann sie nicht an dem solidarischen System teilnehmen, dass über viele Jahre so gut funktioniert hat. Dazu kommt noch, dass sie öfters mal den Beruf wechselt – in vielen Fällen auch aus freien Stücken, da sie ja auch das machen soll, was ihr wirklich Spaß macht.

So wie Isabell geht es vielen Menschen ihrer Generation. Sie wechseln häufiger die Arbeitsstelle, sind mal selbstständig und mal angestellt, erziehen ihre Kinder oder machen eine Fortbildung in einen anderen Beruf, der ihnen mehr Spaß macht und sie gesund hält. Das ist auch gut so und das ist auch zeitgemäß. Das Problem dabei ist, dass ihre Lebensleistung, also ihr individueller Beitrag für die Gemeinschaft, nicht im Rentensystem adäquat abgebildet wird und sie dann im Alter keine lebensstandardsichernde Rente erhalten werden. Das darf nicht sein. Dazu kommt noch, dass es immer mehr ältere Menschen geben wird, die früher noch im Rentensystem „gespart“ haben, aber nur wenige, die das heute genauso machen können. Da aber die Arbeitenden die RenternerInnen via Umlage finanzieren, fehlt schlichtweg Geld in dem System. Aber was können wir dagegen machen?

Ziel ist es, die Lebensleistung der Menschen wieder im Rentensystem anzuerkennen. Das geht nur, wenn das Rentensystem so umgebaut wird, dass alle Lebens- und Arbeitsphasen auch zu Beiträgen in der Rentenversicherung führen. Das heißt, dass z.B. Isabell, egal wo sie arbeitet - ob selbstständig oder angestellt oder als Beamtin – Beiträge in die Rentenversicherung gibt, um für später zu „sparen“. Das heißt auch, dass sich niemand aus diesem System herausnehmen darf, da es ja eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist füreinander einzustehen.

Anerkennen was die Menschen leisten – Umbau zur Erwerbstätigenversicherung

Wir halten daher an dem Prinzip der Rentenversicherung, mit Beiträgen und dem Umlagesystem fest. Es ist aber wichtig, dass in einer Zeit, in der sich die Arbeitswelt so stark wandelt und Erwerbsbiographien wie die von Karl die Ausnahme bilden, alle Menschen mitgenommen werden. Wir fordern daher die Rentenversicherung zur Erwerbstätigenversicherung umzubauen. In der Erwerbstätigenversichernug sollen Angestellte, Selbstständige, Beamtinnen und Beamte, KünstlerInnen, ÄrztInnen, ArchitektInnen, AnwältInnen und alle anderen Berufsgruppen ihre Beiträge zur Finanzierung des Rentensystems leisten und das nach ihren jeweiligen finanziellen Möglichkeiten. Da starke Schultern mehr tragen können als schwache, soll innerhalb des Rentensystems ein Umverteilungsmechanismus derart eingebaut werden, dass z.B. der Facharzt seiner Sprechstundenhilfe in der Rente etwas dazu gibt – das natürlich auf einer abstrakten Ebene und das bei allen knapp 40 Mio. Erwerbstätigen. So kann gewährleistet werden, dass die Lebensleistung eines jeden auch im Rentenalter gesellschaftliche Anerkennung finden kann.

Johannes Reichersdorfer studiert in Potsdam Verwaltungswissenschaft und ist stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos Berlin


01.12.2010

Gute Schulleistungen gegen Bezahlung?

von Ralf Höschele

Private Schulen boomen. Gerade in Berlin. Im Internet findet man in entsprechenden Verzeichnissen alleine 46 private Grundschulen und 19 private Gymnasien. Seit 1990 ist die Zahl der Privatschulen bundesweit um über 40 Prozent gestiegen. Rund 80 Prozent der deutschen Privatschulen werden von der katholischen und evangelischen Kirche getragen. Immer mehr Eltern sind bereit, ihren Kindern gegen Zahlung von Schulgeld eine bessere Schulbildung zu sichern.

Doch sind Privatschulen tatsächlich besser als staatliche Schulen? Dass SchülerInnen von Privatschulen messbar mehr Leistungen bringen als ihre KollegInnen an staatlichen Schulen, dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis. Manfred Weiß, Professor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, hat die Ergebnisse der PISA-Studie in einer Vergleichsstudie ausgewertet. Sein Fazit: Wenn man die soziale Herkunft der PrivatschülerInnen berücksichtigt, gibt es keine großen Leistungsunterschiede.

Also alles kein Problem? Doch, denn der Trend zu Privatschulen hat Ursachen und Folgen, die sozialdemokratische Bildungspolitik nicht ruhen lassen dürfen:
Zum einen deutet der Wunsch vieler Eltern, ihr Kind auf eine Privatschule zu schicken auf ein großes Misstrauen in das staatliche Schulsystem hin. Nach Schätzungen des Bundesverbands Deutscher Privatschulen möchten etwa 20 Prozent der Eltern ihr Kind auf eine Privatschule schicken. Derzeit gehen bundesweit etwas über sieben Prozent aller Schülerinnen und Schüler auf eine Privatschule.
Privatschulen sind in der Zusammensetzung ihrer Schülerschaft sozial selektiv. Auch wenn es kaum empirische Daten zum sozialen Hintergrund von PrivatschülerInnen gibt: Das Schulgeld ist auf jeden Fall eine weitere Hürde für Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien. Und: Die Schulwahl ist nicht nur eine Frage des Geldes: Eltern mit niedrigem Bildungsniveau machen sich in der Regel auch weniger Gedanken darüber, auf welche Schule sie ihr Kind schicken. Der Zuwachs bei Privatschulen verstärkt also das Problem der fehlenden Chancengleichheit im deutschen Schulsystem.

Gerade diese soziale Selektivität der Privatschulen ist in vielen Berliner Innenstadtteilen die Motivation für bildungsbürgerliche Eltern, ihr Kind auf eine Privatschule zu schicken. Während die staatlichen Schulen in den zum Szenebezirk werdenden Problemkiezen sich mit einem hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Familien auseinandersetzen müssen, schicken die wohlhabenden, gut gebildeten Eltern ihre Kinder auf Privatschulen. Sie sichern ihren Kindern also insbesondere bei den konfessionellen Schulen vor allem eine Schulklasse mit niedrigem MigrantInnenanteil.
Wenn Privatschulen sich mit besseren Schülerleistungen rühmen, dann kann man dahinter zumindest ein Fragezeichen setzen. Das liegt häufig nicht an einem besseren pädagogischen Konzept oder einer besseren Förderung der Kinder, sondern schlicht an der sozialen Zusammensetzung der Schulklassen.

Für das staatliche Schulsystem ist die Abwanderung der Kinder aus dem Bildungsbürgertum in Privatschulen eine zusätzliche Herausforderung. Wenn am Schluss in den Problemkiezen erster Linie Kinder aus sozial schwachen Familien im staatlichen Schulsystem bleiben, dann helfen Schulreformen, die auf integrative Schulformen setzen, nicht weiter. Den Zuwachs bei Privatschulen ließe sich bremsen, wenn die staatliche Unterstützung für private Schule weniger attraktiv gestaltet würde. Das Vertrauen der Eltern in das staatliche Schulsystem kann durch bessere Schulen und individuelle Förderung jeder Schülerin und jedes Schülers erreicht werden.

Ralf Höschele ist stellvertretender Bundesvorsitzender der Jusos.


01.12.2010

Nur Leistungsfähige willkommen?

von Rejane Herwig

Deutschland ist KEIN Einwanderungsland und Multikulti ist sowieso gescheitert – so hört man das zumindest aus CDU/CSU Reihen von Seiten Seehofers und Merkels.

Mal davon abgesehen, dass Multikulti so nie probiert wurde, sondern GastarbeiterInnen nach Deutschland geholt wurden mit der Vorstellung, dass sie später wieder das Land verlassen, kann die Tatsache, dass wir ein Einwanderungsland sind, bei der Vielzahl an Menschen mit Migrationshintergrund, die mittlerweile in Deutschland leben und/oder gerne hierher kommen würden, nicht mehr bestritten werden.

Doch wer nach Deutschland kommen will soll bitteschön „das Land nach vorne bringen“, so von der Leyen zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung..

Damit Zuwanderung unser Sozialsystem nicht zusätzlich belastet, könnten Hochqualifizierte gerne nach Deutschland kommen, um einerseits dem Fachkräftemängel abzumildern und andererseits den Auswirkungen des demographischen Wandels entgegen zu wirken.

Um solch eine gesteuerte Zuwanderung bewerkstelligen zu können, wird nun immer öfter ein Punktesystem wie es beispielsweise in Kanada schon besteht, diskutiert.

Wer in Kanada auf Dauer arbeiten und leben will, der muss bei den kanadischen Einwanderungsbehörden ein Punktesystem durchlaufen. Dabei werden Bildungsstand, Alter, Sprachkenntnisse, Berufserfahrung und Anpassungsfähigkeit bewertet. Wer bereits einen  Arbeitsvertrag oder eine Jobzusage von einem kanadischen Arbeitgeber hat kann Extrapunkte erhalten. Insgesamt können hundert Punkte erreicht werden.
Die meisten Punkte werden hierbei für den Bildungsabschluss und für Berufserfahrung vergeben. Für einen Doktortitel oder Masterabschluss bekommt der/ die BewerberIn 25 Punkte, für einen Hauptschulabschluss nur fünf. Mindestens ein Jahr muss der/ die BewerberIn bereits gearbeitet haben. Erfüllt er/sie die Mindestanforderungen nicht, wird sein Antrag sofort abgelehnt. Die höchste Punktzahl gibt es für vier und mehr Berufsjahre, wenn die Tätigkeit nicht länger als zehn Jahre zurückliegt.

Den kanadischen Behörden sind zudem gute Sprachkenntnisse in Französisch oder Englisch wichtig. JedeR BewerberIn muss einen Sprachnachweis vorlegen und je nach Sprachniveau gibt es entsprechende Punkte. Gute Chancen haben zudem BewerberInnen, die zwischen 21 und 49 Jahre alt sind. Ab 54 Jahren gibt es keine Punkte mehr in der Alterskategorie.

Bei der Anpassungsfähigkeit bewerten die Behörden vor allem das Umfeld des Bewerbers/ der Bewerberin und seinen/ ihren Bezug zu Kanada. So gibt es jeweils fünf Punkte, wenn der/ die EhepartnerIn oder Lebensgefährte/ Lebensgefährtin des/ der Anwärters/ Anwärterin auch eine Berufsausbildung oder einen hohen Bildungsabschluss hat. Außerdem wird ein früherer Job oder ein Studium in Kanada mit Punkten belohnt. Für Verwandte in Kanada vergeben die Behörden ebenfalls Pluspunkte. Ab einer Punktezahl von 67 und mehr hat der/ die Bewerber/ In gute Chancen, nach Kanada einwandern zu dürfen. Das Verfahren kann bis zu 24 Monate dauern. Ähnliche Auswahlverfahren gibt es übrigens auch in Australien oder Neuseeland.

Mit solch einem System werden Menschen wie Produkte bewertet, erreichen sie auf dem Prüfstand der „Stiftung Menschentest“ nicht das geforderte Ergebnis in allen Kategorien, erhalten sie auch keine goldene Eintrittskarte. Dabei wird jedoch oft außer Acht gelassen, dass selten jemand freiwillig seine/ihre Heimat und Familie verlässt, sondern aufgrund prekärer oder sogar lebensbedrohender Umstände dazu gezwungen wird.

Doch selbst wenn dem nicht so wäre, sollte alle Personen ihren Lebensmittelpunkt in unser Land verlagern können, auch nur falls ihnen beispielsweise das Wetter in Deutschland besser gefiele – es sollten Alle herzlich willkommen sein.

Fortschrittliche Migrations– und Flüchtlingspolitik sollte Freiheit, soziale Rechte und Menschenwürde im Blick haben und nicht auf Nützlichkeitsgedanken beruhen.

Rejane Herwig kommt aus Neukölln und leitet den AK Intergration/ Migration der Jusos Berlin


01.12.2010

Leistung in der Kunst

von Sarah Niebergall

Was leistet Kunst? Keine einfache Frage und für eine erste Antwort wollen wir zunächst einen Schritt zurückgehen. Denn im Grunde interessiert doch: Muss Kunst überhaupt etwas leisten? Darüber gibt es sehr gegensätzliche Meinungen.

Die Ansicht, dass Kunst sich selbst genüge und keines Zweckes bedarf, findet ihren Höhepunkt in einer Bewegung des 19. Jahrhunderts, die L’art pour l’art (Kunst um der Kunst Willen) genannt wurde. In der Kunstanschauung und Lebenshaltung des sogenannten Ästhetizismus, werden alle Lebensbereiche, Religion, Moral und Soziales, dem Schönen untergeordnet. Sie müssen der Kunst den Vortritt lassen.
Also steht Kunst für sich, zweckfrei und selbstgenügsam. Wunderbar! Kunst muss nichts leisten! So ist sie wahrscheinlich der einzige Lebensbereich, der völlig frei vom Anspruch an einen Zweck existieren kann. Dem nicht abverlangt wird, in kürzester Zeit optimale Ergebnisse vorzuweisen und der nach Leistung beurteilt wird.

Nun, Kunst muss nichts leisten, aber was kann sie leisten? Hier entdecken wir zwei Ebenen, auf denen die Kunst ihre Unverzichtbarkeit beweist. Die gesellschaftliche und die persönliche Ebene, von denen die eine nicht weniger wichtig als die andere ist. Was Kunst für die Gesellschaft leistet, wird sofort an einem Beispiel aus der Literatur deutlich. Heinrich Manns Der Untertan, vollendet 1914, liest sich als hochintelligente und feinfühlige Analyse seiner Zeit und als Vorahnung der Schrecken der 1930er und 40er Jahre. So wird erkennbar, dass Kunst seismographisch genau die Verfasstheit einer Gesellschaft erkennt und ausdrückt. Kunst wird hier zum kritischen Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse, zur Reflexionsinstanz.

In Lenz´ Roman Deutschstunde erfahren wir die Kraft der Kunst, der Unterdrückung zu entkommen. Die „unsichtbaren Bilder“ des Malers Ludwig Nansen zeigen, wie in der Diktatur noch kraft der Phantasie ein Minimum an persönlicher Freiheit erhalten werden kann. Noch direkter erfahren wir die Wirkung in der politischen Kunst, zum Beispiel der eines Bertolt Brecht oder Kurt Tucholsky.

Doch auch scheinbar „weltfremde“ Kunst kann einen Nutzen haben, etwas „leisten“. Nehmen wir die persönliche Ebene in den Blick, so treten zwei Aspekte in den Vordergrund: Zunächst: Kunsterleben als Bildung zur Erweiterung des Horizontes. Kunstwerke eröffnen uns einen Eindruck vergangener Epochen. Wer im großen Pariser Museum Louvre die elegante Marmorstatue der Venus von Milo bestaunt, erkennt das Schönheitsideal der Antike. Wer die christlichen Motive auf Bildern Raffaels betrachtet, versteht erst die Tiefe des Glaubens, der für so viele Jahrhunderte den Alltag der Menschen bestimmte. Hier leistet Kunst einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis einer Zeit, ihrer Menschen und ihres Alltags, weit plastischer und emotionaler als ein Sachbuch es vermag.

Darüber hinaus: Nicht nur Wissen und Kenntnisse, sondern auch unsere Fähigkeiten sind Teil unserer Persönlichkeit. Kunst schärft die Beobachtungsgabe und die Urteilskraft, fordert die Aufmerksamkeit und ruft Emotionen hervor, sei es Freude, Ekel, Ablehnung, Bewunderung. So zwingt sie uns zur Meinungsbildung und eröffnet neue Perspektiven auf scheinbar bekannte Dinge. Selbst künstlerisch tätig sein fördert nicht nur die Kreativität, sondern bedeutet eine dauernde Auseinandersetzung mit dem eigenen Charakter und ist somit Teil der notwendigen Arbeit an uns selbst.

Also ist Kunst unmittelbar zwecklos, leistet aber recht viel. Für Schiller – lesen wir in seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung – ist übrigens diese Zwecklosigkeit die Voraussetzung von Freiheit. Sie bedeutet nicht Leere, sondern ist Voraussetzung für das Gelingen von Bildung. Unsere Sinne und unser Verstand werden offen für etwas Neues. Es ist die Pointe der Schillerschen Briefe, dass sie gerade die Zwecklosigkeit der Kunst und die durch keine konkreten Lernziele einzuengende Offenheit ästhetischer Erfahrungen zur Hauptsache von Bildung überhaupt erklären. Also eigentlich alles, was Kunst und kulturelle Bildung in den Zeiten fixierter „Bildungsstandards“ zur Nebensache zu disqualifizieren scheint. Das ist in einer Zeit, in der beinahe alles nur noch nach dem Prinzip seiner ökonomischen Zweckmäßigkeit beurteilt wird, schon fast eine Ungeheuerlichkeit. Eine ganz unverzichtbare!

Kunst braucht also für ihre Legitimation keine Leistung zu erbringen – aber sie tut es! Seien wir doch so mutig, die Freiheit im Denken zu wagen und uns in der Kunst der immerwährenden, notwendigen Auseinandersetzung mit der Welt zu stellen.

Sarah Niebergall studiert Kulturwissenschaften in Leipzig


01.12.2010

Generation unter Leistungsdruck

von Franziska Drohsel

Als Juso-Bundesverband haben wir im Frühjahr 2010 mit einer Diskussion darüber begonnen, ob wir Trends beobachten können, die für alle junge Menschen gleichermaßen gelten. Mit anderen Worten: Ob es Entwicklungen gibt, von denen alle junge Menschen betroffen sind und damit als Merkmale einer Generation bezeichnet werden können. Dabei ist zu beobachten, dass viele Barrieren, die es früher gegeben hat, wie bestimmte Moralvorstellungen und Rollenbilder, weniger dominierend sind. Dafür gibt es bereits sehr früh den Druck, sein Leben so zu gestalten, dass man auf dem Arbeitsmarkt nicht untergeht. So besteht ein enormer Leistungsdruck von der Grundschule bis spät in das Berufsleben. Damit einher geht, dass der Neoliberalismus zu einer zunehmenden Polarisierung innerhalb der Gesellschaft geführt hat und die Perspektive des sozialen Ausschlusses schon früh präsent ist. Hinzu kommt die permanente Unsicherheit über die nahe und ferne Zukunft. In diesem Sinne kann man sagen, dass Leistungsdruck, Unsicherheit und Ausgrenzung für alle junge Menschen präsent sind.

Leistungsdruck

Junge Menschen stehen heute schon sehr früh vor einem extremen Druck, Leistung bringen zu müssen. Das beginnt in der Schule und setzt sich in der Ausbildung bzw. im Studium fort. Immer heißt es, dass man noch schneller, noch besser, noch mehr machen soll – Auslandssemester, Berufserfahrung, Fremdsprachen, Praktika und möglichst schnell die Ausbildung mit einer guten Note beenden. Die Konsequenz ist, dass es so etwas wie eine eigenständige Jugendphase, in der sich junge Menschen auch ausprobieren können, kaum noch gibt. Das hat gesellschaftliche Folgen. Solch eine Ausrichtung macht ein Denken jenseits der Norm schwer. Vermittelt wird, dass es entscheidend ist, sich für den Konkurrenzkampf der Gesellschaft zu rüsten. Gesellschaftliches Engagement passt nicht in dieses Leistungsschema. Die Botschaft ist, dass jeder an sich selber, an seinen Vorteil, sein Fortkommen denken muss und wer scheitert, erfährt gesellschaftlichen Ausschluss.

Es ist notwendig, in der Bildungspolitik mehr Freiräume zu verankern. Bildung darf nicht nur der Qualifikation am Arbeitsmarkt dienen, sondern muss das Ziel haben, zu einem Leben in Selbstbestimmung beizutragen.

Unsicherheit

Es gibt das Phänomen, dass fast unsere ganze Generation eine unsichere Perspektive auf ihr Erwerbsleben hat. Zunächst gibt es nur Praktika, danach befristete Arbeitsverhältnisse und ab da hangelt man sich von Befristung zu Befristung. Wir wissen nicht, wie lange wir noch den Job haben, ob wir für den Job die Stadt verlassen müssen und ob unser soziales Umfeld noch in den nächsten Monaten hier sein wird. Dementsprechend schwierig ist es, Lebens- und Familienplanung zu machen und soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten. Und auch politisches Engagement ist auf Kontinuität angewiesen.

Die Reregulierung des Arbeitsmarktes darf als politisches Ziel nicht aufgegeben werden, denn nur diese kann zu mehr Sicherheit und damit auch zu einem selbstbestimmteren Leben, in dem nicht alles dem Job untergeordnet werden muss, führen.

Ausgeschlossenheit

Ein Teil von jungen Menschen ist bereits mit 13, 14 Jahren so perspektivlos, dass sie nicht mal mehr formulieren können, was sie in dieser Gesellschaft gerne machen würden. Ein Teil der Jugendlichen fühlt sich nicht mehr als Teil der Gesellschaft. Partizipation findet kaum noch statt – weder über Bildung, Ausbildung und Job noch über politische Partizipation. Dabei ist die gesellschaftliche Linke immer auf die Organisation breiter Bevölkerungsteile angewiesen gewesen. Die reaktionäre Antwort auf diese Situation ist die Argumentation, dass die Jugendlichen selber schuld sind und mehr Repression notwendig ist. In meinen Augen ist es ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, wenn sie Jugendliche von 13 Jahren mit einer derartigen Perspektivlosigkeit ins Leben entlässt. Ziel muss es sein, dass alle junge Menschen Träume, Hoffnungen und Wünsche an ihr Leben formulieren können. Dafür ist es erforderlich, im präventiven Bereich und nicht im reaktiven Bereich zu handeln. Ganztagsschulen und gute Kitas wären eine Antwort, um die Situation zu verbessern.

Und nun?

Als Jusos haben wir schon jetzt viele Antworten, wie sich vieles verbessern würde. In vielen Bereichen müssen wir nach Antworten suchen. Der Diskussionsprozess darum, was das sein könnte, was die Situation junger Menschen verbessert, geht weiter und ist darauf angewiesen, dass sich viele aus unserem Verband einbringen: www.links2011.de.

Franziska Drohsel war von 2007 bis 2010 Bundesvorsitzende der Jusos.


01.12.2010

Zwischen Bolzplatz und Olympia - Breiten- und Leistungssport im Vergleich

von Kevin Kühnert

Leistung, das ist ein seit jeher durch den Sport geprägter Begriff. Auf der Jagd nach überdurchschnittlichen Leistungen und Rekorden und geprägt durch militärische Traditionen, haben Menschen bereits vor Jahrhunderten ihr Leidenschaft für den sportlichen Wettkampf entdeckt.

Doch in unserer modernen Gesellschaft hat sich die Bedeutung von Sport gewandelt. Meistens wird zwischen Leistungs- und Breitensport unterschieden und vergleicht man beide mit den Anfängen des Sports, vielleicht auf mit der olympischen Idee, dann kann man gravierende Unterschiede feststellen. Vorbei ist die Zeit, in der Friedrich Ludwig “Turnvater“ Jahn seine Idee von sportlichen und nationalen jungen Männern verbreitete und zur massenhaften Gründung von Turnvereinen beitrug.

Was blieb sind vielerorts die Vereine, die heute eine ganz andere Aufgabe übernehmen. Sie organisieren den Breitensport, in dem sich bundesweit Millionen Menschen engagieren und fit halten. Doch Breitensport ist nicht einfach nur die Gelegenheit ein bisschen zu Kicken oder zu Turnen. Breitensportvereine erfüllen eine wesentliche soziale Aufgabe. Wenn man Menschen befragt, warum sie sich in Sportvereinen engagieren, dann geben sie neben der sportlichen Betätigung vor allem an, dass sie dort Freunde treffen, kreativ sein können, sowie Partnerschaftlichkeit und Solidarität erfahren. In vielen Regionen sind Sportvereine heute das, was Kirchengemeinden früher waren: der Dorf- oder Kieztreffpunkt. Ob beim Training, beim Wettkampf oder in der Vereinskneipe. Dann treffen sich Gruppen, die im Alltag oft wenig miteinander zu tun haben. MigrantInnen und „Biodeutsche“, Alte und Junge, Erwerbslose und Erwerbstätige. Das ist möglich, da in der Regel jeder anerkannt wird, der sich mit dem Verein identifiziert und sich in ihm engagiert. Im Gegenzug ermöglicht der Breitensportverein einen Zugang zu Sportarten, die für den/die einzelne/n Sprtler/in kaum erreichbar wäre. Von den gemeinsam eingezahlten Beiträgen werden alle Bereiche der Vereinsarbeit gleichermaßen finanziert. So ermöglichen nicht selten die zahlreichen Fußballer mit ihren Beiträgen die Existenz einer Ruder- oder Turnabteilung.

Das ist gelebte Solidarität. Auch die Bereitschaft in Politik und Gesellschaft, den Vereinen über Stiftungen und Sponsoring Gelder zukommen zu lassen, ist groß. Denn alle wissen, welchen Wert die in aller Regel ehrenamtliche Arbeit in Vereinen hat. Sowohl für das Individuum, als auch für das Gemeinwesen.

Dem gegenüber steht der Leistungssport, der bereits seit Jahrzehnten streng nach den Regeln der Wirtschaftlichkeit funktioniert. Ehemalige Vereine werden als AG, GmbH oder KGaA ausgegliedert, organisieren hochprofessionell den Sportbetrieb und gehen bei ausbleibendem Erfolg genauso in die Insolvenz, wie es ein privates Unternehmen tun würde. Erscheinungen wie Wettbetrug und Doping sind letztlich Gleichheiten zu Bestechungsgeldern und anderen Manipulationen in der freien Wirtschaft.

Im Vordergrund stehen das Streben nach Erfolg, Prestige, Bestleistungen und letztlich auch sozialem Aufstieg, als Arbeitsmarkt für junge Menschen, die mit ihrem Talent Geld verdienen. Doch das Bild von gutem Breitensport und schlechtem Leistungssport wäre falsch. Der Leistungssport motiviert junge Menschen in die Vereine zu gehen, begeistert in Stadien und vor dem Fernseher Millionen und ist ein nicht mehr wegzudenkender Wirtschaftssektor mit zehntausenden Arbeitsplätzen. Was im Zuge dessen oft verloren gegangen ist, ist die Menschlichkeit. Die sich mehrenden Fälle von depressiven und suizidgefährdeten Spitzensportlern (zuletzt Robert Enke oder auch Claudia Pechstein) sind dafür ein Beispiel von vielen.

Breiten- und Leistungssport können nur funktionieren, wenn der Leistungssport versteht, dass es ihn ohne Breitensport nicht geben kann, und wenn die Öffentlichkeit versteht, dass der (Erfolgs-)Druck auf den Spitzensport Grenzen haben muss – im Interesse des Vergnügens aller Beteiligter am Sport.

Kevin Kühnert ist 21 Jahre alt, stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos Berlin, studiert an der FU Berlin Publizistik. Er ist Vorsitzender der Abteilung “Aktive Fans” bei Tennis Borussia Berlin


01.12.2010

Widerstand im Wendland - Laufzeitverlängerung? Nein Danke!

von Sebastian in Ausgabe 02 | 2010, Zur Lage

von Susanne Finsel

Die Demonstrationen gegen den Castortransport nach Gorleben im letzten November können für die Anti-AKW-Bewegung mit Sicherheit als Erfolg verbucht werden und wir Jusos, als Teil dieser Bewegung, waren mittendrin.

Für uns ging es Freitag schon los nach Hitzacker, wo sich Genossinnen und Genossen aus ganz Deutschland zur Regionalkonferenz Nord des Juso-Bundesverbands trafen, um gemeinsam über das Thema Anti-Atom zu diskutieren und natürlich auch um gemeinsam gegen den Castor zu protestieren. Freitag Abend diskutierten wir mit Kirsten Lühmann, der örtlichen Bundestagsabgeordneten der SPD und einem Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg über den bevorstehenden Castortransport, die Anti-AKW-Bewegung und die Rolle der SPD und der Jusos dabei. Am Samstag ging es früh aus den Federn, da wir vor der großen Demonstrationen am Mittag in Dannenberg noch im SPD-Camp vorbei schauen wollten. Als einzigste Partei hatte die SPD ein einiges Camp für Demonstrantinnen und Demonstranten, so dass wir als Partei noch einmal unterstrichen haben, dass es mit der SPD keine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke gegeben hätte und dass die SPD sich zur Anti-AKW-Bewegung und zum friedlichen Protest gegen den Castortransport bekennt.

Ab Sonntag ging es dann darum den Transport mit den strahlenden Behältern möglichst lange aufzuhalten. Leider gab es auch diesmal Übergriffe durch die Polizei auf Demonstrierende, die wir stark verurteilen! Wir haben kein Verständnis dafür, wenn Kletteraktivistinnen und Kletteraktivisten, die in den Bäumen hängen, mit Pfefferspray besprüht werden, dadurch abstürzen und sich schwer verletzen oder wenn die Polizei, auch nachdem der Castortransport vorbei gefahren ist, auf friedliche Demonstrantinnen und Demonstranten  eingeprügelt.

Der Castor hat diesmal insgesamt 3 Tagen, 19 Stunden, 24 Minuten bis ins Zwischenlager nach Gorleben gebraucht, ein neuer Rekord! So viele Menschen wie dieses Jahr haben sich noch nie an den Demonstrationen und Protesten gegen den Castor beteiligt. Dies ist ein großer Erfolg für die Anti-AKW-Bewegung, der zeigt, dass die Politik der schwarz-gelben Regierung keine Mehrheit in der Gesellschaft hat. Die Menschen wollen keine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken und auch kein zukünftiges Endlager, von dem jetzt schon feststeht, dass es nicht sicher ist. Ebenso unverständlich ist für uns, dass die Regierung Merkel die Zuschüsse für regenerative Energien streicht und gleichzeitig Forschungsgelder für die Atomkraft ausgibt. Wir als Jusos werden weiter gegen eine Verlängerung der Laufzeiten kämpfen, eine ergebnisoffene Endlagersuche fordern und uns für den Ausbau und den Einsatz regenerativer Energien stark machen. Eine Stromversorgung ist ohne Atomkraft möglich und bei den Risiken der Atomkraft auch dringend nötig!

Susanne Finsel ist 27 Jahre alt und Kreissprecherin der Jusos Spandau


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