Als mich vor ein paar Tagen mein mazedonischer Nachbar zum Kaffee einlud, sagte er mir, er wolle, dass sein Sohn so werde wie die Berliner: weltoffen, tolerant und an allem interessiert. Stimmt sein Bild? Sind die Berlinerinnen und Berliner so?
Wenn ich mich außerhalb der Hauptstadt als Berliner oute, errege ich zumindest Aufmerksamkeit. „Echt – Du kommst aus Berlin? Da war ich auch schon mal.“ So sieht eine häufige Reaktion aus. Der Ruf wahlweise als *Kulturmetropole, Moloch, Multikulti-Experiment oder politisches Pflaster eilt der Stadt voraus. Einig ist man sich über die Stadt nie, aber viele wollen hin und bleiben – denn Berlin ist laut dem Kabarettisten Wolfgang Neuß „ein fruchtbares Gelände für sumpfige Typen, seit 750 Jahren“.
Wie also ist Berlin? Für Menschen, die hier wohnen, taugen die als „Goldelse“ bezeichnete Statue der Victoria am „Großen Stern“, angebliche muslimische Parallelgesellschaften, die Berlinale oder die politische Schlipsträgerkaste nicht als alleinstehende Identifikationsmerkmale. Das ist etwas für Touristen könnte man meinen. Natürlich gehört das alles zur Stadt. Es macht einen Teil ihres Reizes aus und gibt dem „subkutanen“ Berlin wenigstens einen öffentlichen Rahmen. Was Berlin für mich ausmacht, findet man aber eben nicht in Stadtführern, sondern im Straßenleben, unter der glitzernden Haut. Da wo man das bunte Sammelsurium aus Urberlinerinnen und Urberlinern und Zugereisten aus allen Ländern in ihrem Großstadtalltag trifft.
Ein Spaziergang durch mein Berlin könnte mit einem Kaffee im „Primo“ am Südstern in Kreuzberg starten. Von dort würde ich durch die Körtestraße schlendern: Vorbei am kleinen Bio-Bäcker für Bildungsbürger_innen, dem Spielwarenladen, der traditionsreichen Buchhandlung und dem kleinen Off-Kino „Sputnik“, das ganz versteckt in einer obersten Hinterhofetage liegt und sich zurecht als „Berlins höchstes Kino“ rühmt.
Fast ein bisschen dörflich fühlt es sich an, wenn man durch den Kiez bummelt. Der zahnlose Falafelverkäufer nennt jeden Kunden „Habibi“, bei Achim im „Valentins“ darf man seinen persönlichen Bierseidel parken und mitunter muss man seinen Schritt um eine der vielen von Hunden abgelegten Tretminen lenken. Man kennt sich untereinander, grüßt und bemerkt, wenn der Nachbar ein neues Fahrrad hat.
Biegt man auf den Kottbusser Damm ab, wandelt sich die Ruhe schnell in hektisches Treiben. Die Gemüsehändler rufen gegen den Straßenlärm an, um mit den günstigsten Preisen die Kunden in ihren Laden zu locken. Jeder Händler versucht, mit Restposten oder 55-Cent-Angeboten die zahlungsschwache Kundschaft anzulocken. All dies findet nur einen Steinwurf von Luxusbiomärkten und Restaurants statt und zeigt, wie eng beieinander unterschiedliche (Lebens-)Welten in Berlin aufeinander prallen.
Weiter geht es vorbei am „Il Casolare“, einer der besten Pizzerien der Stadt und über die Admiralbrücke. Die taucht sogar schon in internationalen Reiseführern auf: Im Sommer treffen sich hier junge Leute, sitzen bis zum Morgengrauen zusammen, schwatzen, lachen, machen Musik oder genießen einfach die Unbeschwertheit des Ortes. Dass sie damit eine Handvoll Anwohner_innen ärgern, trübt die gute Stimmung nicht – auch nicht dann, wenn der Streit zum örtlichen Politspektakel wird.
Weiter geht’s am Ufer des Landwehrkanals entlang. Hier picknicken die neuerdings gefürchteten türkischen Gemüsehändler-Familien einträchtig neben dösenden Student_innen und Tourist_innen freuen sich vom Ausflugsboot aus über ein Stück Berliner Leben. Dass das so gar nicht zu Sarrazins Schlagworten der „Kopftuchmädchen“ passt, bemerkt niemand. Am Blücherplatz lohnt auch für Berliner_innen ein Abstecher in das Kaufhaus „Domäne“. Von der Kantine im obersten Stock hat man einen herrlichen Blick über die Dächer der Stadt. Das Essen kann dort allerdings nicht mit der Aussicht mithalten.
Dem Charme Berlins erliege ich bereits in meinem Stadtteil, an den Orten und Verrücktheiten, die ich erst für mich entdecken musste: Meine „geheime“ Parkbank, die mir trotz Hauptstraße Stille und trotz Hochsommer Schatten spendet, große Wandmalereien, verzierte Mülleimer, Hinterhofwerkstätten, das „Baerwaldbad“, das nach zähem Existenzringen heute nur von ehrenamtlichen Helfer_innen betrieben wird und all die vielen kleinen Läden, Cafés, Kioske, Call-Shops, Initiativen und Kulturprojekte.
So oder so: Man wurschtelt sich in Berlin irgendwie durch, protestiert hin und wieder gegen irgendetwas, genießt die vielfältigen Gegensätze und lebt irgendwie ganz gut damit. Da finden sich echte Toleranz und Weltoffenheit gleich neben Engstirnigkeit und Bionade-Biedermeier. Vielleicht muss man ein wenig verrückt sein, um sich wirklich auf Berlin einzulassen. Und wie Berlin wirklich ist, muss jeder selbst herausfinden.
Björn Eggert kandidiert in Kreuzberg für das Abgeordnetenhaus von Berlin.