von Johannes Reichersdörfer
Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander. Die gesellschaftlichen Folgen sind fatal. Immer mehr Menschen sind von Armut bedroht oder schon davon betroffen. Die Einkommen durch abhängige Beschäftigung gehen zurück. Was bleibt ist ein massives Ungerechtigkeitsgefühl und verheerende soziale und wirtschaftliche Folgen.
These 1 – Die gegenwärtige Krise ist eine Krise der Umverteilung
Die Löhne der ArbeitnehmerInnen sind in den letzten Jahren weniger stark angestiegen als die Entwicklung des gesellschaftlichen Wohlstands. Abhängig Beschäftigte bekommen also weniger und können sich auch weniger leisten. Der damit einhergehende Rückgang des Konsums und die höhere Ansammlung von Kapital an den Finanzmärkten war einer der Gründe, die zur gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise geführt haben.
These 2 – Arbeit hat sich verändert
In den letzten Jahren hat eine strukturelle Umwälzung des Arbeitsmarktes stattgefunden. Mit dem Ausbau der Leih- und Zeitarbeit und der Einführung der Mini- und Midi-Jobs wurden Beschäftigungsverhältnisse geschaffen, die in hohem Maße unsicher sind und sich weit unter der Grenze eines Einkommens, von dem man leben kann, bewegen.
These 3 – Die Polarisierung der Einkommen führt zu mehr Ungleichheit
Die unteren und oberen Einkommensgruppen wachsen, die mittlere Einkommensgruppe schrumpft. Während noch in den Jahren 1993 bis 1999 alle Einkommensgruppen an der positiven Wohlstandsentwicklung beteiligt waren, gilt dies etwa seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Die untere Einkommensgruppe, die einen Einkommensrückstand von 48 Prozent gegenüber dem mittleren Einkommen (1.311 Euro in 2009) hat, wird seitdem immer größer, aber dabei immer ärmer. Es verbreitet sich ein Gefühl der Unsicherheit und der Abstiegsangst bei einem großen Teil der Bevölkerung.
These 4 – Gesellschaftliche Ungleichheit ist Unfreiheit und macht krank
Je ungleicher eine Gesellschaft ist, umso größer sind die sozialen Probleme. Dabei spielt der absolute Reichtum eines Landes keine Rolle. Gleichere Gesellschaften, also Länder, in denen die Lohnabstände der Bevölkerung relativ gering sind, haben einen höheren sozialen Zusammenhalt, weniger Kriminalität, weniger Morddelikte, es sind weniger Menschen eingesperrt, arm oder krank. Menschen in gleicheren Gesellschaften haben eine höhere Lebenserwartung. Gleichere Gesellschaften zeichnen sich also auch durch ein mehr an Freiheit von gesundheitlichen und gesellschaftlichen Bedrohungen aus. Ein Beispiel: In gleicheren Ländern leiden ca. acht Prozent der Menschen an psychischen Erkrankungen. In den USA, die sich an der Spitze der ungleicheren Staaten befinden, sind es 25 Prozent. Die sozialen Folgen von Ungleichheit reichen also bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. Denn einzig entscheidend ist, wie groß die Ungleichheit zwischen den Einkommensgruppen ist. In Deutschland nimmt diese Polarisierung weiter zu.
These 5 – Ein Keil in die Gesellschaft treiben – Das schwarz-gelbe Sparpaket
Die Notwendigkeit, aktive Wirtschaftspolitik zu betreiben, um die Folgen der Krise zu bewältigen und eine neue Krise zu verhindern, wird durch Schwarz-Gelb ignoriert. Das merkelsche Sparpaket ist in Wahrheit ein Umverteilungspaket – Umverteilung von unten nach oben. Es wird bei Arbeitslosen und bei Familien gespart, (ökologisch) sinnvolle Impulse für wirtschaftliches Wachstum werden aufgegeben. Dazu kommen noch die gesundheits- und sozialpolitischen Pläne, durch die ein großer Keil zwischen die Menschen getrieben wird.
These 6 – Politik muss die Menschen stärker in den Blick nehmen
Politik muss sich aber an den Bedürfnissen der Menschen orientieren - ihnen Freiheit und damit eine hohe Lebensqualität ermöglichen. Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums, also organisierte Solidarität, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.
These 7 – Umverteilung muss jetzt angegangen werden
Gesamtwirtschaftlich muss sich die Steigerung der Löhne wieder an der Produktivitätsentwicklung orientieren und darf nicht wie bisher darunter liegen. Das stärkt die Binnennachfrage, beugt kapitalistischen Krisen vor und schließt die Schere zwischen Arm und Reich.
Linke Politik bietet jetzt Antworten an, wie das Problem der wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft schon kurzfristig bekämpft werden kann:
- Wir brauchen einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro.
- Die Leih- und Zeitarbeit muss stärker staatlich reguliert werden. Wir brauchen gleiche Bezahlung und gleiche *Arbeitsbedingungen für LeiharbeitnehmerInnen und dauerhaft Beschäftigte.
- Wir brauchen eine gerechte Besteuerung von Spitzeneinkommen, Erbschaften und Kapitaleinkünften, damit gesellschaftlich erarbeiteter Wohlstand allen zugutekommen kann.
Johannes Reichersdorfer studiert Verwaltungswissenschaft an der Universität Potsdam und ist stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos Berlin