Die immer gut gelaunte Stadt
Auf den Straßen von Berlin fließen Milch und Honig. Das könnte man zumindest denken, wenn man betrachtet, wie viele StudentInnen und PraktikantInnen es jedes Jahr in die Stadt zieht. Letztes Jahr verzeichnete die Freien Universität 30.000 BewerberInnen auf 4018 Studienplätze. Berlin ist zum Anziehungspunkt geworden.. Worin besteht der Mythos Berlin? Warum heißt es, BerlinerIn zu sein, ist eine Lebenseinstellung?
„Berlin war schon in den 1920ern eine arme, aber gut gelaunte Stadt.“
Die Stadt ist so groß, dass es schwer fällt, alles in einen Topf zu packen. Friedrichshain ist nicht Charlottenburg, Kreuzberg ist nicht Reinickendorf und auch wenn Wedding nach der Bezirksreform 2001 zu Mitte gehört, ist es etwas anderes am Gesundbrunnen zu wohnen als am Rosenthaler Platz. Die Kiezstruktur, die sich dann zu einem großen Ganzen zusammenfügt, ist eine von Berlins Besonderheiten. Einzelne Viertel haben oft ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und vermitteln nachbarschaftliche Nähe, ohne dass das Gefühl von dörflicher Enge entsteht. Die BerlinerInnen betiteln ihre Stadt als „international“ und „weltoffen“. Dies ist nicht nur sinnbildlich richtig, sondern lässt sich auch an Zahlen festmachen. Letztes Jahr waren Menschen aus 189 Ländern offiziell gemeldet. Die Stadt lebt jedoch nicht nur von ihrer Vielfalt, sondern auch von der Aufgeschossenheit gegenüber dieser Vielfalt. Obwohl auch Berlin mittlerweile eine Fashion Week hat, spielen äußere Kriterien wie Kleidung und Auftreten, eine untergeordnete Rolle. Auch Wohlstand wird im Vergleich zurückhaltend zur Schau getragen. Berlin war schon in den 1920ern eine arme, aber gut gelaunte Stadt. Nach der Wende wurde sie die Stadt der Selbstverwirklichung, die KünstlerInnen und Freigeister anzog. Die Kunst-, Musik- und Theater-Szene wuchs und heute sind die Möglichkeiten seine Freizeit zu verbringen unendlich. Für jedes Hobby und jeden ausgefallenen Geschmack hält Berlin etwas bereit. Dabei ist für viele nicht einmal unbedingt wichtig alle diese Freiheiten zu nutzen, sondern einfach zu wissen, dass sie existieren. „Das größte Kapital Berlins ist kein reales, sondern ein symbolisches.“ sagt Stadtforscher Ralf Lindner.
„Auch Berlin ist eine Stadt der Gegensätze.“
Für viele StudentenInnen mag die Stadt ein einziges Schnäppchen sein, da die Preise insgesamt gerade im Vergleich zu Städten wie Hamburg oder München eher günstig sind. Auch Feiern ist, verglichen mit anderen europäischen Städten, ziemlich günstig – und im Feiern sind die BerlinerInnen gut. Nicht umsonst bieten die Cafès hier Frühstück bis 17 Uhr oder einfach rund um die Uhr an. Doch Berlin ist auch eine Stadt der Gegensätze. Die einen frühstücken um 17 Uhr, die anderen haben um diese Uhrzeit schon 10 Stunden gearbeitet. Berlin mag günstiger sein als andere Städte in Deutschland, aber trotzdem hat lang nicht jeder so ein weiches finanzielles Polster wie viele der zugezogenen StudentInnen. Viele Berliner befinden sich in misslichen Arbeitsverhältnissen, vor allem auch junge Leute. Symbolkraft hin oder her. Nur etwa die Hälfte der EinwohnerInnen ist erwerbstätig und kann von seinem Gehalt auch leben. Ist also für manche das Essen unschlagbar günstig, ist es für andere gerade billig genug. Die Neuköllner Wohnung ist für eine/n Studentin/en ein toller Fund, für andere vielleicht der letzte Ausweg.
Genau diese günstigen Wohnungen ziehen viele junge Kreative nach Berlin. Einerseits wollen sie das urbane Flair erleben, anderseits bevorzugen sie hochwertig renovierte Altbauten. Damit steigen die Mieten in den ehemals günstigen Vierteln und vertreiben die alteingesessenen BewohnerInnen. Dieser Prozess der Gentrifizierung ist in vielen Großstädten zu beobachten und in Berlin sozusagen gerade live und in Farbe. Im Prenzlauer Berg wohnen nur noch 20% der ursprünglichen BewohnerInnen von vor 15 Jahren. Doch nicht nur die EinwohnerInnen werden getauscht, sondern damit auch die soziale Struktur. Damit erledigt sich der wichtigste Auslöser des Gentrifizierungsprozesses: die Authentizität. Das ursprüngliche Flair des Viertels existiert nicht mehr. Auch wenn die Leute genau deswegen dort hingezogen waren.
Berlin bietet jungen Leuten (fast) alles, was man sich nur wünschen kann und wer hierher zieht, setzt ein Statement. Berlin bietet eine geballte Wucht an Kreativität und Vielfalt. Dafür nehmen die BerlinerInnen auch die eisigen Winter und die vielen grauen Tage in Kauf. Ein eisiges soziales Klima sollte jedoch nicht in Kauf genommen werden.
Lisa M. Treiling ist stellvertretende Vorsitzende der Jusos Mitte.